
Gerade ist er von der Arbeit gekommen. Er hat an diesem Tag etwas geleistet. Ein gutes Gefühl. Jetzt sitzt Hans Jürgens (Name geändert) daheim mit einer Tasse Tee und wirkt zufrieden. Ein kräftiger Mann, der die Dinge halbwegs im Griff hat. „Dabei hätte ich nie gedacht, dass sich in meinem Leben noch mal was verändern könnte“, sagt er.
Die alten Möbel in seiner kleinen Wohnung sind teils aus Sperrholz, das Sofa ist abgewetzt. Er schläft im Wohnzimmer, wo auch sein Schreibtisch steht. „Man braucht nicht viel zum Leben“, sagt der 55-Jährige bescheiden.
Hans Jürgens wuchs ohne seinen Vater auf, die Eltern hatten sich getrennt. Seine Mutter arbeitete in einer Keksfabrik und als Spülkraft. „Sie hatte immer viel zu tun, aber ich hatte eine glückliche Kindheit“, sagt er.
„Ich wollte mich tottrinken“
Nach der Hauptschule trat er seinen Zivildienst in einem Heim an. Dort nahm sein Leben eine verhängnisvolle Wende. In der Einrichtung kam es zu einer Gewalttat mit verheerenden Konsequenzen. „Ich wurde angegriffen“, sagt er. Was damals im Keller des Heims genau geschehen sei, sei nie richtig aufgeklärt worden: „Ich selbst konnte mich an nichts erinnern.“
Sicher ist, dass er im Krankenhaus aufwachte, nach einer brutalen Auseinandersetzung mit einem anderen Mann. Er hatte eine Hirnblutung erlitten. Eine für ihn befriedigende juristische Aufarbeitung des Vorfalls habe es nie gegeben: „Dieser Tag hat mein Leben verändert“, sagt er bitter. Lange war er nicht arbeitsfähig, bis heute kämpft er mit den Folgen der Tat.
Ursprünglich hatte er eine Ausbildung zum Zimmermann oder Tischler machen wollen. Doch der Vorfall hatte ihn aus der Bahn geworfen. Hans Jürgens suchte Halt im Alkohol: „Ich wollte mich tottrinken“, sagt er heute mit schonungsloser Offenheit. „Von morgens bis abends habe ich gesoffen.“ Wenn er von seinem Leben nach der Gewalttat spricht, erzählt er schnell und sprunghaft. Als würde er die verschiedenen Bruchstücke seiner Biografie einzeln betrachten, sie aber nicht in eine chronologische Reihenfolge bringen können. Er berichtet von einer engagierten Betreuerin, der er viel zu verdanken habe. Von einer Entziehungskur, die jedoch scheiterte: „Ich war dazu noch nicht bereit“, sagt er. „Stattdessen habe ich in den Tag hinein gelebt und Stütze gekriegt.“ Dann kam die erste Wende in seinem Leben. Es war im Jahr 2003, als er nach einer Feier aufwachte und einen Entschluss fasste: „So geht es nicht weiter.“ Auf eigene Faust begann er einen Alkoholentzug. „Die ersten drei Tage waren richtig scheiße“, sagt er. Doch seit jener Zeit sei er fast dauerhaft „trocken“.
Leben für die Kinder
Er lernte eine Frau kennen, zwei gemeinsame Söhne kamen zur Welt. „Ich hatte schon immer Kinder haben wollen“, sagt er. „Sie zu betreuen war endlich eine Aufgabe, für die es sich lohnte zu leben.“
Die Beziehung scheiterte, doch für seine Kinder organisierte der alleinerziehende Vater einen Alltag mit geregelten Abläufen. „Aufgrund seines Verantwortungsgefühls für seine Söhne ist es ihm gelungen, sein Leben gut in den Griff zu gekommen“, sagt der Sozialarbeiter, der ihn begleitet. Wenn er über seine Kinder spricht, entspannt sich Hans Jürgens. Mit viel Wärme erzählt er von ihren Erfolgen in der Schule und davon, wie sie inzwischen ihre eigenen Wege gehen. Beide sind mittlerweile im Teenageralter, der jüngere lebt noch bei ihm.
So kam es zu einer weiteren Wende in seinem Leben. „Irgendwann sagte ich mir, dass ich nicht immer nur von Geld vom Amt leben kann“, sagt Hans Jürgens. Über einen Sozialarbeiter fand er zunächst eine ehrenamtliche Tätigkeit: Seit Jahren engagiert er sich in einer Kleiderkammer. Regelmäßig sortiert er Kleiderspenden und gibt Jacken und Hemden an Bedürftige aus.
„Ich fühle mich dort gebraucht und habe mir so ein Selbstwertgefühl aufgebaut“, sagt er. Hans Jürgens‘ Geschichte erzählt auch davon, wie Arbeit einem Leben Sinn und einem Menschen Bestätigung geben kann. „Ich hatte schon immer Bock, anderen zu helfen, aber ich war lange zu sehr mit mir selbst beschäftigt“, sagt er.
Vor einiger Zeit geschah dann etwas, womit er nicht mehr gerechnet hatte: Er bekam eine feste, bezahlte Stelle. Er arbeitet jetzt 14 Stunden in der Woche als Hausmeister bei einer Kirchengemeinde: Laub fegen, Sicherungen wechseln, kleine Reparaturen. „Ich habe schon immer gerne mit meinen Händen gearbeitet“, sagt er.
Stolz auf das Erreichte
Zusätzlich zu seiner Erwerbsminderungsrente verdient er jetzt endlich eigenes Geld. „So viel Sicherheit habe ich noch nie gehabt“, sagt er dankbar. Mit seinem Einkommen kann er keine großen Sprünge machen. Als ein Sohn und er selbst kürzlich zur gleichen Zeit neue Brillen brauchten, reichte das Geld dafür nicht.
Familien wie seine spüren besonders, dass das Einkaufen teuer geworden ist. „Ein Sohn wünscht sich jetzt einen Computer zu Weihnachten“, sagt Hans Jürgens. Solche Anschaffungen bringen ihn rasch an seine finanziellen Grenzen.
Sein Selbstbewusstsein jedoch kann ihm niemand mehr nehmen. „Ich habe jetzt endlich das Gefühl, auf eigenen Beinen zu stehen“, sagt Hans Jürgens. Er sagt es mit dem Stolz eines Mannes, der dem Leben etwas abgetrotzt hat.
Von Simon Benne



