
Die Krankheit erschütterte die alleinerziehende Mutter von vier Kindern bis ins Mark: Margreth Altmann trotzte dem Brustkrebs, doch ihre ganze Familie hatte unter den Folgen zu leiden. Finanziell ist die Frau aus der Region Hannover längst am Limit. Ein Fall für die HAZ-Weihnachtshilfe.
Was wird wichtig, wenn eine Welt zusammenbricht? Welche Gedanken schieben sich im Angesicht einer Katastrophe in den Vordergrund? Margreth Altmann (Name geändert) hat eine Antwort auf diese Fragen. Spätestens seit dem Tag, an dem der Brustkrebs bei ihr zurückkehrte, weiß sie, wo die Prioritäten in ihrem Leben liegen.
„Das Schlimmste war, es den Kindern sagen zu müssen“, sagt die 55-jährige. Die vierfache Mutter ringt mit den Tränen, wenn sie von jenem Tag vor zwei Jahren berichtet. „Ich musste für die Kinder stark sein, ihnen Zuversicht geben – und den Rest mit mir selbst ausmachen“, sagt sie.
Margreth Altmann sitzt daheim auf dem Sofa, auf dem sie nachts auch schläft. Eine kleine, schlicht möblierte Wohnung irgendwo in der Region Hannover. Auf einer Decke schlummern zwei Katzen. „Die haben wir zur Therapie“, sagt sie, „die beiden sind schweigende Kummerkästen.“
Arbeit beim Discounter
Ihre Brille hat die tapfere Frau in ihre langen, grauen Haare gesteckt, als sie von ihrem Leben erzählt. Margreth Altmann wuchs als jüngstes von sechs Geschwistern auf. „Ich hatte eine glückliche Kindheit“, sagt sie.
Nach der Hauptschule begann sie eine Ausbildung zur Fleischereifachverkäuferin. Ein Arbeitsunfall machte dieser ein jähes Ende: „Ich habe mir ein Stück Fleisch aus dem Finger geschnitten.“ Sie verlor die Lehrstelle. Später arbeitete sie über Jahre bei Discountern; an der Kasse, im Lager, zwischen den Regalen.
Sie war gerade 18, als sie ihren späteren Mann kennenlernte. Früh wurde sie schwanger, die beiden heirateten jung. „Eigentlich waren wir noch nicht reif genug“, sagt sie im Rückblick. Die Ehe, aus der zwei Kinder hervorgingen, scheiterte nach einigen Jahren.
Marathon an Therapien
Später kamen aus anderen Beziehungen noch zwei weitere Töchter hinzu. Diese beiden leben heute bei ihr, sie sind 22 und 15 Jahre alt. In ihrem Wohnzimmerregal steht auf einem Fotobuch ein Spruch: „Eine alleinerziehende Mutter hat die Eier, die dem Kindsvater fehlen.“
Ihr drittes Kind war erst drei Jahre alt, als Margreth Altmann 2006 zum ersten Mal an Brustkrebs erkrankte. Die damals 36-Jährige musste einen Marathon an Therapien durchstehen: Chemo, Bestrahlung, dann die Operation.
„Ich habe immer versucht, den Kindern einen stabilen Tag zu bieten“, sagt sie. Schule, Kindergarten, Einkäufe, Hausaufgaben. „Für die Nebenwirkungen meiner Behandlungen hatte ich keine Zeit – die Kinder sollten so viel Normalität wie möglich bekommen.“
Angst vor den Kontrollen
Sie überstand die Krankheit. Und sie lernte einen neuen Mann kennen. Ihr Körper hatte sich wider Erwarten rasch regeneriert – und gegen jede Wahrscheinlichkeit wurde sie erneut schwanger. „Die Ärztin konnte gar nicht glauben, dass so etwas nach meiner Therapie möglich war“, sagt sie. Ihr viertes Kind kam gesund zur Welt.
Erst 2023 bekam die tapfere Frau erneut Brustkrebs. Für die ganze Familie begann eine belastende Zeit; ein Wechselbad aus Hoffnung, Angst und Müdigkeit. Diesmal musste ihr eine Brust komplett abgenommen werden. Wenn sie heute zu Kontrolluntersuchungen muss, hat sie schon Tage davor Bauchschmerzen: „Die Angst ist immer da – wer das einmal gehabt hat, kriegt es nie wieder aus dem Kopf.“
Ihre Bewegungsfähigkeit ist – unter anderem durch die Operation – eingeschränkt. Dazu kommen Rückenprobleme. Zuletzt hatte sie einen Job in der Gebäudereinigung, doch daran ist jetzt nicht mehr zu denken. Margreth Altmann lebt von dem Geld, das sie vom Jobcenter bekommt.
Schimmel in der Wohnung
„Dass Strom und Lebensmittel so teuer geworden sind, ist schon ein Problem“, sagt sie. Früher habe sie für Anschaffungen wie Winterkleidung noch etwas zur Seite legen können. „Das ist jetzt schwieriger geworden.“ Ein Urlaub mit ihren Töchtern ist völlig ausgeschlossen. „Schon die Kosten der Zugfahrt wären ein Vermögen für uns“, sagt sie.
In jüngster Zeit hatte die Familie zu allem Überfluss einige unvorhergesehene Ausgaben zu stemmen: Wegen starken Schimmelbefalls mussten sie aus ihrer früheren Wohnung ausziehen. Beim Umzug stellte sich heraus, dass auch Matratzen, Kissen und Möbel so stark angeschimmelt waren, dass sie diese nur noch wegwerfen konnten. „Das hat finanziell richtig reingehauen“, sagt sie.
Als wäre dies nicht genug, ging danach die Waschmaschine kaputt. Und eine Tochter brauchte eine Brille. Was für andere Familien vielleicht ein Ärgernis ist, ist für die Familie von Margreth Altmann eine Katastrophe. Derzeit macht ihr Sorgen, dass der Kühlschrank seit einiger Zeit seltsame Geräusche macht: „Ich bete, dass er noch etwas durchhält“, sagt sie.
Psychische Probleme
Margreth Altmanns Erkrankung hat die ganze Familie gezeichnet. Ihre 22-jährige Tochter kämpft mit massiven psychischen Problemen, mit Depressionen und Angststörungen. Und sie leidet unter der Reflux-Krankheit, die mit Sodbrennen und Erbrechen einhergeht. Binnen weniger Monate nahm sie 30 Kilogramm ab, weil sie nichts bei sich behalten konnte.
Die Mutter wachte nächtelang an ihrem Bett. „Wir versuchen alles, um ihr eine gute Ernährung zu ermöglichen“, sagt Margreth Altmann. Die Nahrungsergänzungsmittel, die der Tochter helfen, sind aber teuer. Erneut kommen der Mutter die Tränen, wenn sie davon spricht: „Ich möchte doch nur, dass es den Kindern gut geht.“



