Der erste Fall: „Für meine Kinder gebe ich alles“

Nach einer Reihe von Schicksalsschlägen weiß eine Mutter von drei Töchtern nicht weiter – ein Fall für die HAZ-Weihnachtshilfe.

 

„Wir sind durch die Hölle gegangen“: Angeliki Papadopoulos und ihre drei Töchter halten zusammen – aber ihre Kraft ist erschöpft.Foto: Kutter

„Wir sind durch die Hölle gegangen“: Angeliki Papadopoulos und ihre drei Töchter halten zusammen – aber ihre Kraft ist erschöpft. Foto: Kutter

Wie ein Fremdkörper wirkt der Kronleuchter an der Decke. Wie ein Relikt ihres alten Wohlstands, das irgendwie den Weg hierher gefunden hat. In der winzigen Wohnung, irgendwo in der Region Hannover, lebt Angeliki Papadopoulos (Name geändert) mit ihren drei Töchtern. Die älteste von ihnen ist 23 Jahre alt, ein Alter, in dem andere junge Frauen längst eine eigene Bleibe haben. Doch die drei teilen sich hier ein kleines Zimmer. Die Wohnung ist einfach eingerichtet, es gibt kein einziges überflüssiges Möbelstück. Dafür herrscht eine fast penible Ordnung. „Immer war ich berufstätig, niemals arbeitslos“, sagt Angeliki Papadopoulos. Das ist ihr wichtig, darauf ist sie stolz. Und darum fällt es ihr so schwer darüber zu sprechen, dass das heute anders ist.

Vor fast 30 Jahren kam die 46-Jährige mit ihrem Mann, den sie jung geheiratet hatte, aus Griechenland nach Deutschland. Sie übernahmen einen kleinen Laden, bauten sich mit viel Pioniergeist eine bürgerliche Existenz auf: ein Haus, ein Auto, ein Wohnwagen. Angeliki Papadopoulos’ Geschichte ist die Geschichte vom Ringen um ein gutes Leben – und davon, wie eine fast groteske Verkettung von Schicksalsschlägen das Erreichte immer wieder zerstörte. Eine Geschichte vom Kämpfen und vom Aufstehen und davon, dass es irgendwann nicht mehr geht.

Angeliki Papadopoulos kann von der Gewalt erzählen, die ihre Ehe prägte. Von Schlägen und davon, wie der Vater ihrer Kinder das Geld der Familie mit unsinnigen Anschaffungen durchbrachte. „Wir sind durch die Hölle gegangen“, sagt sie. Der Vater verließ die Familie vor zwölf Jahren, Unterhalt zahlt er der Alleinerziehenden nicht.

In der Phase der Trennung wollte die damals achtjährige Tochter der niedergeschlagenen Mutter etwas Kochen. Der nicht fachgerecht installierte Herd kippte, kochender Reis floss über das Kind. Das Mädchen zog sich an Beinen und Rücken teils Verbrennungen vierten Grades zu. Sie lag lange im künstlichen Koma, musste zig Operationen über sich ergehen lassen und viele Monate im Krankenhaus verbringen: „Wir bangten um ihr Leben“, sagt ihre Mutter heute.

Als Alleinerziehende hielt die Mutter ihre Familie fortan mit verschiedenen Jobs über Wasser, sie arbeitete als Köchin, als Tagesmutter, als Verkäuferin. Irgendwann erfuhr sie dann von den Schulden, die ihr Mann gemacht hatte, es kam die Zwangsversteigerung ihres Hauses, und dazu die ständige Sorge um das kranke Kind: „Wir hatten alles verloren – das habe ich nicht verkraftet“, sagt sie. Sie erlitt selbst einen Schlaganfall.

Zur Genesung zog sie mit ihren Kindern zu ihren Eltern nach Griechenland. Sie rappelte sich wieder auf, schließlich fand sie dort Arbeit als Pädagogin. „Dann aber rutschte das Land in die Krise, und die Stelle wurde gestrichen“, sagt sie. Vor zwei Jahren entschied sie sich, zurück nach Deutschland zu gehen. Hier fing Angeliki Papadopoulos bei einer Zeitarbeitsfirma an. Ein Job am Fließband. „Ich habe immer Überstunden gemacht“, sagt sie. Extraschichten. Mit harter Arbeit und eiserner Sparsamkeit hielt sie ihre Familie irgendwie über Wasser. Ein immerwährender Kraftakt. Bis sie eines Tages von der Arbeit in die kleine Wohnung heimkehrte – und zusammenbrach.

Die Ärzte diagnostizierten einen Tumor am Rückenmark. Im vergangenen Februar musste sie operiert werden. Lange lag sie im Krankenhaus, es gab Probleme mit der Wundheilung. „Jeden Tag habe ich Schmerzen“, sagt die Mutter. Man sieht ihr an, dass bestimmte Bewegungen ihr weh tun. Selten geht ein Lächeln über ihr Gesicht. Seit mehr als einem Jahr ist sie jetzt arbeitsunfähig, den Alltag kann sie nur mithilfe ihrer Töchter bewältigen – ein zermürbender Zustand für die einst so agile Frau: „Ich bin darüber depressiv geworden“, sagt sie: „Immer war ich fit und aktiv – aber irgendwann geht es nicht mehr.“

Das ständige Ringen um Geld und Gesundheit prägt das Leben der Familie. Die vier leben jetzt vor allem vom Krankengeld und vom Kindergeld – und von dem, was die Älteste verdient. Sie macht eine Ausbildung im medizinischen Bereich. Alle Kinder sind sehr gute Schülerinnen, die 19-Jährige Nina hat sogar ein Einser-Abi gemacht. Sie möchte Finanzwirtin werden. Es ist, als wollten sich die Töchter für einen Kampf wappnen: Bis in die Berufswünsche der jungen Frauen hinein zieht sich der Wunsch, Schicksalsschlägen gesundheitlicher und finanzieller Art nicht hilflos ausgeliefert zu sein.

„Für meine Kinder gebe ich alles – und sie für mich“, sagt Angeliki Papadopoulos. Für Zahnarztbehandlungen ihrer Töchter sind nun Kosten von mehreren Hundert Euro aufgelaufen, die sie in Raten abbezahlen. „Und der Kühlschrank, den wir geschenkt bekommen haben, kühlt auch nicht mehr richtig“, sagt die 46-Jährige.
Sie weiß, dass Geld nur einen Teil ihrer Probleme lösen kann. Gesundheit lässt sich nicht kaufen. Aber sie weiß auch, dass alles Geld der Welt eines nicht aufwiegen könnte: „Unser Zusammenhalt“, sagt sie. „Der ist immer größer geworden, je mehr wir gemeinsam durchlebt haben.“

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Von Simon Benne

Author: HAZ-Redaktion

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