Ein neuer Fall: Wie eine Mutter ihre behinderte Tochter pflegte – und dabei arm wurde


„Ich habe viele Jahre nur für andere gelebt“: In ihrem Garten hat Eva Bauer einen Baum gepflanzt, der sie an ihre verstorbene Tochter erinnern soll.  Foto: Kutter

Sie war erfolgreiche Unternehmerin. Dann hatte ihre Tochter einen schweren Unfall – und Eva Bauer pflegte sie viele Jahre lang aufopferungsvoll. Jetzt starb ihre Tochter, und die Mutter steht vor dem Nichts. Ein Fall für die HAZ-Weihnachtshilfe. 

Wenn man sie nach Lucie fragt, geht ein Lächeln über ihr Gesicht. „Sie war ein gesundes, lebhaftes Kind“, sagt Eva Bauer. Das ist das erste, was ihr zu ihrer Tochter einfällt. Obwohl Lucie das schon lange nicht mehr war – ein gesundes, lebhaftes Kind. Eva Bauer (Namen geändert) blickt hinaus in den Garten. Sie hat dort einen Baum gepflanzt, der sie an Lucie erinnern soll. 

Das kleine Wochenendhaus, in dem die 62-Jährige lebt, haben sie einst gekauft und barrierefrei umgebaut, damit Lucie sich hier wohlfühlen konnte. Der schöne Garten und die geschmackvollen Möbel stammen noch aus einem anderen Leben. Sie wirken wie Filmkulissen nach Drehschluss – Relikte von früher, die nicht mehr zur Wirklichkeit passen wollen.

Sie war erfolgreiche Unternehmerin

Eigentlich war Eva Bauer gelernte Krankenschwester, doch mit ihrem Mann führte sie früher einen Catering-Betrieb. „Der Laden ist gut gelaufen“, sagt sie. „Wir haben Großveranstaltungen für bis zu 2000 Personen gestemmt.“ Damals beschäftigten sie zwölf Festangestellte und mehr als 40 Teilzeitkräfte. Ein agiles Unternehmerpaar, erfolgreich und wohlhabend. 

Lucie war elf Jahre alt, als das Auto sie überfuhr. „Es erwischte sie auf dem Gehweg und überrollte ihre linke Körperhälfte komplett“, sagt ihre Mutter. Die Notärzte hielten ihre Tochter für tot, aber dann kam ein Hubschrauber und brachte sie ins Krankenhaus. Die Mediziner dort hatten wenig Hoffnung. „Ich verlange, dass Sie alles tun, damit meine Tochter überlebt“, forderte Eva Bauer jedoch kategorisch. Und so wurde Lucie operiert.

Oberschenkelfraktur, Milzruptur, Auge, Ohr und Schädelbasis kaputt, dazu Verletzungen im Stammhirnbereich. Das gesunde, lebhafte Kind war zur Koma-Patientin geworden. „Die Wochen auf der OP-Intensivstation waren die Hölle“, sagt die Mutter. Rund um die Uhr kümmerte sie sich um Lucie. „Nach einem halben Jahr war sie immer noch nicht wach, aber wir verließen das Krankenhaus – irgendwann hält man das Piepen der Apparate nicht mehr aus.“ Das war im Jahr 1992.

Alles lernte Lucie neu

In ganz Europa suchten sie damals eine Reha-Klinik, schließlich stellten sie eine eigene Therapeutin für 12.600 Mark im Monat ein. „Täglich haben wir 12 bis 14 Stunden mit Lucie gearbeitet“, sagt Eva Bauer. Alles musste ihre Tochter neu erlernen: Kriechen, Krabbeln, Laufen, Essen, Sprechen. Irgendwann konnte sie tatsächlich wieder Reiten, Baden und Radfahren. Sie kam in eine Schule für Körperbehinderte und lernte auch Lesen und Rechnen neu.

„Sie hat es wirklich geschafft“, sagt die Mutter. Allerdings behielt Lucie eine Epilepsie mit häufigen Krampfanfällen zurück. Sie musste hochdosierte Medikamente nehmen. „Man durfte sie nie aus den Augen lassen“, sagt Eva Bauer. Sie kauften einen Epilepsiehund, der Krampfanfälle im Voraus wittern sollte. Und bei Lucie blieb ein schlurfender Gang, „wegen der linksbetonten Tetraspastik“, wie ihre Mutter sagt. Sie verwendet solche medizinischen Fachbegriffe oft und mit großer Selbstverständlichkeit, weil sie viele Jahre lang ganz damit beschäftigt war, Lucies Krankheiten zu durchdringen.

Es ging bergab

Eva Bauer und ihr deutlich älterer Mann gaben ihre Selbständigkeit auf, um sich um Lucie zu kümmern. Sie kauften das Wochenendhaus und bauten es um. „Bis 2015 hatte Lucie ein schönes Leben“, sagt sie. Dann starb Eva Bauers Mann. Zeit zum Abschiednehmen blieb kaum, denn im selben Jahr wurde auch Lucie schwer krank. Gallenprobleme, Lungenentzündungen, Hirnblutungen. Ein Kreislauf aus Krankheiten, Therapien und Nebenwirkungen. Elfmal wurde Lucie operiert, schließlich saß sie im Rollstuhl und musste künstlich beatmet werden. „Es ging immer weiter bergab“, sagt ihre Mutter.

Die gelernte Krankenschwester richtete in dem kleinen Haus ein Intensivzimmer für ihre Tochter ein, die nun rund um die Uhr Intensivbetreuung brauchte. Bis zu achtmal musste ihr in der Nacht Speichel abgesaugt werden, damit dieser nicht in die Lunge lief. „Ich habe permanent durchgearbeitet“, sagt Eva Bauer. „Für das eigene Kind steckt man viel weg, das hat Mutter Natur so eingerichtet. Ich bin nicht der Typ, der sagt, ich schaffe es nicht.“

Übermenschliches geleistet

„Frau Bauer hat Übermenschliches geleistet“, sagt Sozialarbeiterin Rita Schlüter, die die Familie seit Jahren begleitet. „Sie hat ihre eigenen Bedürfnisse völlig zurückgestellt, um für ihre Tochter da zu sein.“ Ihr Fall zeige allerdings auch exemplarisch, wie sehr häusliche Pflege die Sozialkassen entlaste – und wie sehr dies zu Lasten der betroffenen Familien gehe. Die Krankheit und die Anschaffungen für Lucie fraßen das Geld der einstigen Unternehmer völlig auf.

Auch das soziale Umfeld von Eva Bauer verflüchtigte sich. „Dein Thema ist ja immer nur Lucie“, sagten Bekannte, wenn sie ausnahmsweise einmal unter Menschen kam. Tatsächlich gab sie alles für ihre Tochter. Sie ging selbst nicht mehr zum Arzt, wenn sie krank war. Die Krankheit ihrer Tochter formte auch sie selbst. Im Kampf mit Kassen, Verordnungen und medizinischen Dienstleistern  wurde sie zu einer kämpferischen Frau.

Im vergangenen Mai starb Lucie. Sie wurde nur 38 Jahre alt. Ihre Mutter lebt heute von 409 Euro Witwenrente, dazu bekommt sie 137 Euro vom Jobcenter. Die 62-Jährige sucht einen Job, bislang vergeblich. Eine Reserve für Notfälle hat sie nicht. „Was mache ich, wenn die Waschmaschine kaputt geht oder wenn ich zum Zahnarzt muss?“, fragt sie ratlos. In solchen Momenten wirkt die resolute Frau sehr zerbrechlich. „Ich habe viele Jahre nur für andere gelebt – von mir selbst war am Ende gar nichts mehr da“, sagt Eva Bauer. „Ich bin einfach ausgepowert.“

Von Simon Benne

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Author: Jan Sedelies

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11 Kommentare

  1. Wieder einer der tragischen und mich berührenden „Fälle“ (ich hasse dieses Wort: es geht immer um Lebewesen) der klar offenbart, dass die „Verschimmbesserungen“ im Gesundheitswesen prinzipiell diejenigen trifft, die in keinster Weise verdient haben, dass mit ihnen derart arsch*** umgegangen wird.
    Eines der wenigen Dinge, die mich zum Kochen bringen.

    Mir bleibt hier zu hoffen, dass dieser Frau, die nahezu ihr gesamtes eigenes Leben für ihre schwerst kranken Tochter bis zu deren Ableben aufgegeben hat, zumindest jetzt wenigstens finanziell der Respekt gezollt werden wird, den die Dame sich mehr als verdient hat.

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  2. Traurig. Warum gibt es dafür keine „sozialen Hängematten“? Jeder der über die Grenze kommt , nie was eingezahlt hat bekommt alles. Warum stehen hier nicht hunderte, tausende auf der Straße um gegen diesen Notstand zu rebellieren? Ja es sind nicht viele leute die das betrifft, das darf aber nicht zählen!

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    • Sehr bewunderswert was die Mutter geleistet hat, kann man sicher nur nachvollziehen wenn man vergleichbares erlebt hat. Als ihre Tochter beatmungspflichtig wurde hätte sie einen Intensivpflegedienst engagieren können, welcher 24/7 die Pflege gewährleistet hätte. Die Mutter hätte immer noch in jeden Schritt eingreifen können, wäre aber auch entlastet gewesen. Sie hätte zumindest Nachts schlafen können wenn eine Fachkraft das Absaugen des Sekrets übernommen hätte sowie die Überwachung der Vitalparameter. Sie hat hier ggf. eine Leistung übernommen, welche sie hätte abgeben können. Natürlich ist die Anwesenheit einer „fremden“ Person im eigenen Haushalt ggf. unangenehm, aber oftmals gewöhnen sich die Menschen daran.
      Als Krankenschwester hätte sie möglicherweise auch vorab erkennen können welche Belastung auf sie zukommen könnte bei den o.g. Folgen des Unfalls. Bei Kindern ist die Prognose oftmals natürlich besser als bei Erwachsenen wenn es darum geht das sich das Gehirn neu strukturiert und Fähigkeiten wieder neu erlernt werden.
      Das ihre Tochter dieses Alter erreicht hat ist eine Leistung der Mutter, spricht für ihre Pflege, ihre Zuwendung und ihr Engagement. Ich würde mir wünschen das sowas anerkannt wird und man hinterher, wenn man sich aufgeopfert hat für sein Kind oder Partner, nicht in der Armut landet. Ein Pflegedienst kann in der häuslichen Intensivpflege zw. 8.000 – 30.0000 Euro im Monat von der Kasse bekommen, warum hat man die Mutter nicht mit einem geringeren Betrag entlohnt für ihre Pflege?
      Es ist traurig das solche Menschen später in der Armut landen während woanders Milliarden ausgegeben werden.

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    • Die „Soziale Hängematte“ ist das soziale Sicherungsnetz unseres Staates. Der Begriff Hängematte, gerade in Bezug auf diesen Fall ist von einigen Kommentatoren mehr als ungünstig. Im Artikel wird schon deutlich, dass die nun alleine lebende Dame Bezüge vom Jobcenter erhält. Das bedeutet auch, dass Ihre Mietkosten (mit Heizung) wahrscheinlich auch vom Amt kommen und sie genau die gleiche Versorgung bekommt wie jeder andere Arbeitslose auch. Die Frau nagt nicht am Hungertuch, sondern ist Harz-IV Empfängerin.

      Mir tut es für jede Mutter leid die ihr Kind verliert und das Schicksal dieser Familie ist sicherlich tragisch. Aber im Status Quo ist diese Frau kein Fall für die Weihnachtshilfe, sondern bereits vom Sozialstaat versorgt. Wenn man ihr nun Spenden zukommen lässt, wird man ihr die aufstockende Sozialhilfe streichen, da sie dann erstmal wieder selbst genug Geld hat. Nutzen bleibt also aus.
      Die einzig denkbare Hilfe die wirklich nutzen würde, wäre ein Jobangebot für die Betroffene.

      Was die Historie angeht verstehe ich, dass eine Mutter alles für ihr Kind tun möchte. Aber die Darstellung legt den Schluss nahe, dass der Ablauf und die Aufopferung ohne Alternative waren. Ich arbeite im Sozialbereich und habe jahrelang in der Behindertenhilfe gearbeitet. Es gibt unglaublich viele gute Hilfsangebote und vor allem Ansprüche auf Hilfe, welche man nur wahrnehmen muss. Wenn man sie nicht kennt, dann geht man zu einer Beratungsstelle. Bei den geschilderten Bedarfen hätte z.B. die Krankenkasse eine dauerhaft anwesende Krankenschwester bezahlen müssen um die medizinischen Hilfeleistungen zu erbringen. Das muss man dann aber auch einfordern und zulassen. Im Nachgang gibt es Anspruch auf Leistungen der Eingliederungshilfe, Rehaleistungen usw., aber eben nur in dem Umfang wie es allen zusteht. Die Tragik des Lebens der jungen Tochter ist enorm, aber die Mutter sicher kein Fall für die Weihnachtshilfe.

      Achja zu: Was mache ich wenn die Waschmaschine kaputt geht: Im Artikel steht sie ist im Sozialhilfebezug. Also muss sie sich in einem solchen Fall nur an ihren Sachbearbeiter wenden und bekommt von dort die Mittel für Reparatur oder Neuanschaffung gestellt. Dazu gibt es dann zinsfreie Darlehen, welche mit Minibeträgen vom monatlichen Zuschuss abgerechnet werden.

      Wenn man wirklich weihnachtlich helfen will, dann z.B. dem Ehepaar, welches seit Jahren unter der Brücke beim Hotel am Maschsee lebt. Sie arbeitet als Reinigungskraft und er jobt wo er kann um das Geld zu ihren Kindern in Osteuropa zu schicken und durch den Job der Mutter die Krankenversicherung für die Kinder zu halten. Dadurch sehen beide ihre Kinder über Jahre nicht um diese zu versorgen. Eine Wohnung finden Sie nicht, weil keiner Obdachlosen Unterkunft bieten möchte und nur ein geringes Einkommen besteht. Und es gibt mehr solcher Fälle, bei denen nicht schon ein Hilfssystem greift und es wirklich um das Überleben geht.

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  3. Defekte Waschmaschine oder andere Dinge zum reparieren.
    Guten Abend,
    noch einmal der Hinweis an alle: es gibt sogenannte Repaircafés, nicht immer in der Nähe.
    Aber: wir helfen gerne und vielleicht mag der eine oder andere von uns auch in die Region fahren, ich zumindest wäre bereit dazu.
    Nur: kommt in die cafés, sprecht uns an, wir beissen nicht.

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    • Lieber HAZ-Leser,
      ich gebe diesen Hinweis auch nochmal an alle Betroffenen weiter. Und weise auch den Fachbereich Soziales nochmal auf diese Möglichkeit hin. Danke für Ihre Unterstützung.
      Herzliche Grüße aus der Redaktion,
      Jan Sedelies

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  4. Ich wundere mich doch sehr über den Artikel . Ich bin selber Fachkraft im Gesundheitswesen für Kinder ( Physiotherapie) . Kein Kind egal wie schwer betroffen braucht 12 -14 Stunden Therapie.
    Intensiv Kinder haben Ansprüche auf 24 Stunden Pflege zu Hause . Diese wird von den Krankenkassen finanziert. Ich kenne genug eltern von intensiv Kindern die arbeiten gehen . Dafür muss man allerdings vertrauen das auch andere Menschen gut mit dem Kind umgehen.
    Ich habe selbst ein beeinträchtigtes Kind . Es gibt in unserm System viel Hilfe . Man muss sie aber auch annehmen auch annehmen . Sicher ist das Schicksal der Mutter dramatisch aber es wäre meiner Meinung nach vermeidbar gewesen. Ohne alle Details der Familie zu kennen.

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  5. Ich würde mich freuen, wenn diese Frau sich bei mir melden könnte. Meine Tochter wird von meinem Mann und mir seit rund 10 Jahren gepflegt und wir sind bereits sehr erschöpft. Sie könnte uns bestimmt mit Rat und Tat behilflich sein. Vielleicht könnten wir ihr auch was zurückgeben, auch wenn es nur Dank und Anerkennung wäre.

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    • @ weicher
      Wenn ihre Tochter unter 18 ist gibt es zum Beispiel die Möglichkeit von kurzzeitpflege zum Beispiel im ägidius Haus in Hannover. Ansonsten findet man oft Hilfe in Selbsthilfegruppen. Die kibis Hannover bietet einen. Selbsthilfe Tag an dem sich verschiedene Gruppen präsentieren und hat eine tolle Homepage.
      Ansonsten kann man sich über Entlastung bei den lokalen Pflegediensten und der Stadt informieren.
      Es gibt Möglichkeiten der Entlastung. Seien sie mutig und nehmen sie Hilfe an . Es hilft niemandem wenn sie sich in der Pflege selbst vergessen und dann irgendwann nicht mehr können

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    • @ Frau Wicher:

      In Hannover und auch im Umland gibt es Pflegestützpunkte, welche kostenlos beraten und sogar Hausbesuche anbieten. Über diese kann auch die Wohnberatung einbezogen werden, falls z.b. im Haus/Wohnung etwas umgebaut werden müsste. Bei allem was die Pflege angeht können Sie dort Informationen zu möglichen Entlastungen und Angeboten erhalten. Bezüglich der Belastung kann ich Ihnen nur Selbsthilfegruppen empfehlen, da der Austausch mit anderen Betroffenen meist sehr hilfreich ist.
      Bei einer so starken Erkrankung (natürlich kenne ich die Diagnose Ihrer Tochter nicht)könnten zudem Ansprüche auf Leistungen der Eingliederungshilfe bestehen. Diese sollen die Teilhabeeinschränkung der betroffenen Hilfebedürftigen ausgleichen und führen in der Regel auch zu einer Entlastung der Angehörigen.

      Hilfe suchen lohnt!

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