Durch einen Brand verlor eine Familie alles: ein Fall für die HAZ-Weihnachtshilfe

„Ich habe funktioniert wie ein Roboter“: Nelly Roth- Miller und ihr Mann Alexander Roth haben Schlimmes erlebt – und hoffen auf eine bessere Zukunft.  Foto: Samantha Franson

Durch einen verheerenden Brand verlor eine Familie mit vier Kindern alles – jetzt wagt sie langsam einen Neubeginn. Ein Fall für die HAZ-Weihnachtshilfe.

Es ist seltsam, welche Kleinigkeiten sich dem Gedächtnis manchmal einprägen. Eine Welt geht unter, und man erinnert sich später an eigentlich unbedeutende Details der Katastrophe. „An jenem Tag hatte ich 20 Eier eingekauft und im Flur abgestellt“, sagt Nelly Roth-Miller. Jener Tag – das ist der 10. April 2018, der für ihre Familie alles veränderte. Der Tag, an dem die 20 Eier am Ende als ein großer gebratener Haufen Rührei im schwarz verkohlten Flur liegen sollten. 

„Bis dahin hatten wir unser Leben im Griff, alles lief nach Plan“, sagt die 37-Jährige. Nelly Roth-Miller stammt wie auch ihr Mann aus Kasachstan. Als Kinder kamen die Russlanddeutschen in die Bundesrepublik; ihre Familien bauten sich hier eine Existenz auf. Sie war 14, als sie Alexander Roth kennen lernte. Sie verliebten sich, heirateten 2004, bekamen vier Kinder. 

Der Handwerker machte sich selbständig, gründete eine kleine Baufirma – Parkett, Fliesenlegen, Innenausbau. Bald hatte er zwei Mitarbeiter. Die gelernte Bürokauffrau kümmerte sich um Haushalt und Kinder, nebenbei erledigte sie den Papierkram im Betrieb. „Wir hatten viele Aufträge, der Laden lief gut“, sagt sie. Bis eben zu jenem 10. April 2018. 

„Die Kinder müssen hier raus!“

An diesem Abend holte ihr Mann eine Tochter vom Sport ab. Sie selbst brachte in ihrer Vier-Zimmer-Wohnung am Kronsberg die Jüngste ins Bett, als sie auf der Straße Rufe hörte: „Feuer, es brennt!“ Als sie ins Wohnzimmer ging, bot sich ihr ein surreales Bild: Auf dem Balkon, wo sie an dem warmen Tag Wäsche aufgehängt hatte, brannte es lichterloh; der Holztisch und die Stühle standen schon in Flammen. Und auf dem Sofa saß die vierjährige Tochter und schaute Kinderfernsehen, ohne etwas zu bemerken. 

Was rettet man als erstes, wenn es brennt? „Instinktiv dachte ich sofort: Die Kinder müssen hier raus!“, sagt Nelly Roth-Miller. Als sie mit ihren Töchtern aus der Wohnungstür lief, zersprangen die Wohnzimmerscheiben schon mit lautem Knall. Dann stand sie ohne Schuhe auf der Straße, die Kinder an der Hand, die Jüngste in die Bettdecke gehüllt. „So habe ich mit angesehen, wie unsere Wohnung ausbrannte.“ Eine Szene wie in einem Krieg.


„Nichts zu retten“: Die Wohnung der Familie nach dem Brand. Foto: privat

Das Ehepaar durfte später noch einmal hinein in ihre Wohnung. Sie mussten dafür Schutzanzüge anziehen. „Was genau die Ursache für das Feuer war, wissen wir bis heute nicht“, sagt Nelly Roth-Miller, „aber da war nichts mehr zu retten.“ Wohnzimmer, Küche, Bad – alles war ausgebrannt, die Familie stand vor dem Nichts. Die Schlüssel, die Handys, die Pässe, die Sportpokale der Kinder, die Familienfotos. Alles verloren. Ein letztes Mal zogen sie die Tür hinter sich zu. „Dann war das Kapitel abgeschlossen“, sagt sie. 

Das Trauma sitzt tief

Nelly Roth-Miller ist eine fröhliche, tatkräftige Frau mit einem unbändigen Willen, sich durch nichts unterkriegen zu lassen. „Das Wichtige ist doch, dass wir alle leben, und wir können ja neue Fotos machen …“, sagt sie – dann kommen ihr doch unvermittelt die Tränen. Manchmal, wenn die Hektik des Großfamilienalltags ein paar Sekunden Pause macht, bricht die Trauer über den Verlust plötzlich durch. Das Trauma sitzt tief. 

Damals gab ihnen jemand die Adresse einer Notunterkunft für Wohnungslose. Doch die sechsköpfige Familie kam für die ersten Wochen notdürftig in der Zwei-Zimmer-Wohnung der Mutter von Alexander Roth unter. „Wir mussten uns in einem Großeinkauf alle von Kopf bis Fuß neu einkleiden“, sagt die 37-Jährige. Jedes Schulheft mussten sie neu besorgen – und händeringend suchten sie eine neue Bleibe. „Nachts habe ich nicht mehr geschlafen. Ich habe funktioniert wie ein Roboter“, sagt sie. 

Ihr Mann gab die Firma vorübergehend auf. Der Computer war ohnehin verbrannt, die Werkzeuge musste er verkaufen. Und außerdem fiel seine Frau psychisch in ein tiefes Loch und brauchte daheim Unterstützung. Die Ersparnisse waren rasch aufgezehrt. „Wir hatten viele Versicherungen – doch ausgerechnet eine Hausratsversicherung war nicht dabei“, sagt Nelly Roth-Miller. 

Freunde halfen in der Not

In dieser existenziellen Krise erfuhr die Familie große Solidarität: Der Sportverein und ihre Kirchengemeinde unterstützten sie, Freunde schenkten ihnen Kinderkleidung und Decken. „Wir sind den vielen Menschen, die uns unterstützt haben, unendlich dankbar“, sagt Alexander Roth. Ein Trainer des TSV Bemerode schickte einen Hilfsaufruf an Vereinsmitglieder. So fand sich tatsächlich ein Haus in Bemerode, das die Familie voll eingerichtet übernehmen konnte. „Der Vermieter hatte sogar für jedes Kind passende Möbel organisiert“, sagt die Mutter. „Es war wie ein Traum, als ich hier herein kam.“ Dann kommen ihr wieder die Tränen. 

Das Ehepaar sitzt in der blitzsauberen Küche, auf dem Tisch steht ein Adventskranz. Sie erzählen davon, wie sie langsam wieder Fuß fassen. Noch bekommen sie Geld vom Jobcenter, doch bald will Alexander Roth mit seiner Firma wieder neu durchstarten. Und seine Frau ist erneut schwanger; voraussichtlich im Februar kommt ihr fünftes Kind zur Welt. 

Ein neuer Beginn

Mit Möbeln sind sie inzwischen gut versorgt. Doch der Opel Astra, Baujahr 1993, den ihre Eltern ihnen zur Verfügung gestellt haben, hat gerade den Geist aufgegeben. Und immer wieder brauchen sie Kleinigkeiten. „Es fehlt uns an allen Ecken und Enden“, sagt Nelly Roth-Miller. Es dauert eben seine Zeit, einen kompletten Hausstand neu aufzubauen. „Die Kinder verstehen es Gott sei Dank, dass sie nicht immer sofort neue Schuhe bekommen können, wenn sie welche brauchen“, sagt die Mutter. 

Noch immer prägt der Verlust ihres alten Zuhauses die Familie. „Bei den Kindern sitzt es tief“, sagt Nelly Roth-Miller. Gerne würden die Eltern ihnen einmal etwas Schönes bieten. Eine Woche im Harz oder am Meer vielleicht. „Sie möchten wegfahren, wie ihre Schulfreunde auch“, sagt sie. Eine Auszeit könnte der Familie helfen, Abstand zu gewinnen und die Zukunft neu in den Blick zu nehmen: „Dann hätten wir gemeinsam etwas erlebt, an das man sich später gerne erinnert.“

Von Simon Benne

Author: Jan Sedelies

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